Freitag, 12. September 2014

Stillstand oder Fortschritt

Komme ich im Karate überhaupt noch weiter? Lerne ich noch neues oder bin ich an einem toten Punkt?

Diese Frage beschäftigt in den höheren Farbgurtgraden und erst recht in den Schwarzgurtgraduierungen sehr viele Schüler.


© ser; flickr: "kata exhibición XIX Cpto. España Kárate Shinkyokushinkai"
Am Anfang schien man in jeder Trainingsstunde völlig neue Welten kennen zu lernen und jetzt fühlt es sich so an, als würde man monatelang auf der Stelle treten, kaum noch was lernen, immer nur Kleinigkeiten verbessern oder anderen Schülern dabei zusehen, wie sie das lernen, was man selbst doch alles schon kann.

Wie kommt das?

In diesem Artikel möchte ich dieser Frage etwas auf den Grund gehen. Hierzu werden wir das ganze Phänomen analytisch begutachten und in einzelne Fragen aufteilen.

Erste Frage: "Hat sich das Training verändert, bringt uns der Sensei weniger bei, als früher?"

Schauen wir uns die neuen Schüler an, reden wir mit ihnen. Schnell werden wir dabei feststellen, dass sie dieselbe Erfahrung machen, wie wir in der Anfangszeit. Auch sie lernen ständig völlig neue Welten kennen und haben oft genug leuchtende Augen, weil sie schon wieder etwas neues lernen und oft genug Fragezeichen über den Köpfen, weil sie dieses oder jenes noch nicht verstehen. Daran hat sich also nichts geändert.

Nächste Frage: "Kann unser Sensei uns nur bis zu einem bestimmten Punkt bringen und weiß dann selber nicht mehr weiter?"

Testet es, stellt ihm Fragen zu Themen, die euch interessieren. Er hat die Antworten? Er kann euch erklären, was ihr tut? Gutes Zeichen dafür, dass ihr nicht in einem McDojo seid! Schaut hinter die Kulissen. Schaut euch an, bei wem euer Sensei lernt. Wer ist der Sensei eures Senseis? Jemand, der noch viel weiter ist, der noch viel mehr weiß? Sehr gut! Euer Sensei bildet sich also regelmäßig weiter, was ihn und damit euch immer besser macht.

"Warum muss ich immer wieder dasselbe lernen, wie die Anfänger?"

Zum Einen ist Wiederholung niemals falsch, denn je länger man dabei ist, umso eher kann man die Basics aus den Augen verlieren. Aber man sollte nicht ständig in den Anfängerkursen bleiben. Schaut euch an, was euer Sensei für Stunden anbietet. Fortgeschrittenenkurse? Wunderbar!

"Ich bin in einem Fortgeschrittenenkurs, aber komme trotzdem nicht weiter, woran liegt das also nun?"

Okay, genug der Spielchen, jetzt wird's fachlich!

Wenn man sich versichert hat, dass man nicht in einem McDojo lernt, dass der eigene Trainer selbst Trainer hat, bei denen er lernt und sich weiterbildet, dass man nicht nur in den Anfängerkursen lernt und trotz all dem das Gefühl hat, man würde kaum noch vorwärtskommen, sollte man sich einmal umdrehen und den Weg betrachten, der bereits hinter einem liegt. Das Gefühl bedeutet nicht, dass man wirklich nichts mehr lernt, sondern, dass man eine Perspektive eingenommen hat, in der man seine Fortschritte nicht mehr wahrnimmt. Wir befinden uns hiermit in der Wahrnehmungspsychologie.

Stellen wir uns einmal vor, wir wollen einen Weg von tausend Metern gehen, jeden Tag einen Meter. Ja, unrealistisch, ich weiß, keiner braucht 3 Jahre für einen Kilometer, aber wir stellen es uns nur mal vor, um das Prinzip zu verdeutlichen.
Wir gehen also am ersten Tag den ersten Meter, schauen uns um und stellen fest: Wow, schon ein Meter geschafft!
Am zweiten Tag gehen wir noch einen Meter, schauen uns um und sehen: Wir sind schon doppelt so weit gekommen!
Der dritte Tag kommt und wir gehen wieder einen Meter. Wir haben nun die Hälfte der bisherigen Strecke schon wieder geschafft! Das heißt, um 50% verbessert!
Es ist der vierte Tag, wir gehen noch einen Meter. Das ist noch immer ein Drittel dessen, was wir bisher insgesamt erreicht hatten! Beachtlich und vor allem: Sichtbarer Erfolg!
Betrachten wir auch noch den fünften Tag, an dem wir wieder einen Meter gegangen sind. Das sind immer noch 25% dessen, was wir vorher überhaupt konnten, alle Achtung, den Unterschied merkt man doch deutlich!

*Zeitsprung*

Es ist der 897. Tag und wir gehen einen Meter. Wir schauen uns um und stellen fest: "Joah, nee... Bin nicht wirklich viel weiter, als gestern." Auch mathematisch keine wirkliche Nummer: 0,12%!

Echt jetzt?
 
Wir haben uns um 0,12% verbessert?? Um Null-Komma-Eins-Zwei Prozent? Das ist ja grad mal gut ein Zehntel eines Prozents!

Komme ich überhaupt noch vorwärts?!?

Nanu? Die Frage kennen wir doch!

Wir sind jetzt also an einem Punkt angekommen, an dem wir das Gefühl haben, fast gar nicht mehr vorwärts zu kommen. Und jetzt nehmen wir mal den Zollstock und messen: Wieviel sind wir am 897. Tag vorangegangen? Einen Meter! Und wieviel haben wir am ersten Tag geschafft? Auch einen Meter! Wir haben also an den beiden Tagen die gleiche Strecke geschafft.

Warum wirkt das nun am ersten Tag wie die Reise in eine weit, weit entfernte Galaxis und am 897. Tag so, als würden wir gar nicht mehr vorwärtskommen? Die Antwort liegt in dem Weg, der bereits hinter uns liegt. Wir vergleichen das, was wir heute erreichen mit dem, was wir bisher erreicht haben. Dadurch sehen wir nicht mehr, dass wir uns nach wie vor weiterbewegen, immer noch mit unverminderter Geschwindigkeit vorwärtskommen. Die Perspektive hat sich geändert.
 
Und das selbe lässt sich nun auf Karate übertragen. Für jemanden, der noch ganz am Anfang steht, ist die Veränderung überdeutlich spürbar, wenn er einen Hinweis bekommt, mit dem der Nekoashi-Dachi, der Mawashi-Geri oder was auch immer, noch etwas besser wird. Für jemanden allerdings, der schon drölfundhundertzig Techniken geübt hat, einen ganzen Sack voll verschiedener Kata im Schlaf kann und 30 Jahre dabei ist, wirkt das wie fast nichts. Und dennoch entwickelt man sich weiter, verbessert sich kontinuierlich und das sogar genauso schnell, wie am Anfang.

Warum spielt uns unser Gehirn diesen Streich? Und viel wichtiger: Was kann man nun tun?

Es gibt einige Mittel und Wege, diese kleine Gemeinheit des Gehirns auszutricksen und sich selbst wieder bewusst zu machen, wie gut man es hat, einen so aufmerksamen Sensei zu haben (der immerhin sogar so gut ist, dass er einen nach so langer Zeit immer noch verbessern kann!) und wie viel man in Wahrheit noch lernen muss. Gerade letzteres sollte man sich immer wieder vor Augen führen, denn der lange Weg, der bereits hinter einem liegt, kann einen blind machen für den mindestens ebenso langen Weg, den man noch vor sich hat.

Ein paar dieser Mittel möchte ich meinen Lesern nun mit an die Hand geben:

Fokus
Sich auf das zu konzentrieren, was man gerade macht, kann einem dabei helfen, seine eigenen Verbesserungen zu bemerken. Wenn es heißt "Heute üben wir den Gedan-Barai", nicht an die Dinge denken, die man viel lieber geübt hätte, sondern sich vollkommen darauf einlassen, genau diese Technik zu üben und sie auf jeden Fall am Ende der Stunde verbessert zu haben.

Ausblenden
Hier hilft das Mokuso ungemein. Das Gefühl, nicht das zu lernen, was man gerade lernen will oder, nicht das zu üben, von dem man überzeugt ist, man würde es jetzt brauchen, kann sich zu dem Gefühl weiterentwickeln, man würde gar nichts mehr lernen. Zu Beginn der Stunde im Mokuso alle Erwartungen geistig in einen Karton oder eine Tüte packen und aus der Tür oder dem Fenster zu schieben, sich davon zu befreien und vollkommen offen für das sein, was nun kommt.

Bewusst und übertrieben falsch machen
Nicht ständig und nicht alles, nur das, was man gerade lernt. Es kann einem sehr deutlich die Unterschiede vorher-nacher zeigen, wenn man das, was korrigiert wurde, noch mal wie vorher macht und das falsche etwas übertreibt, anschließend die Korrektur einarbeitet und vergleicht.

Spiegel
Der vielleicht wichtigste Gegenstand in der Karate-Ausbildung nach dem Pad/Target / der Pratze ist und bleibt der Spiegel! Zusammen mit dem vorherigen Punkt, den eigenen Fehler noch mal leicht übertrieben zu wiederholen und anschließend die korrigierte Version zu üben, wirkt ein Spiegel Wunder, denn man sieht den Fortschritt sofort selbst.

Rückschau
Sich einfach mal zu erinnern, wie man wirklich war vor 4 Wochen, 3 Monaten, einem halben Jahr. Sich die eigenen Fortschritte bewusst machen, indem man vergleicht, wie man sich entwickelt hat, während man dachte, man würde nicht mehr vorwärtskommen und in seiner Entwicklung Stillstand haben.
 
kleine Ziele
Je weiter man bereits ist, umso größer wird das eigene Potenzial und umso größer werden naturgemäß auch die Ziele, die man erreichen will. Leider werden sie irgendwann so groß, dass man sie nicht in einer Trainingseinheit oder einer Woche erreichen kann, sondern Monate, Jahre braucht, um dorthin zu kommen. Je größer der Weg ist, den man gehen will, umso langsamer scheint man auf ihm voranzukommen. Hier empfehlen sich Zwischenetappen, kleinere Ziele, die nacheinander zum großen Ziel führen und die realistisch in einer Woche zu erreichen sind.

spezifische Ziele
Genauso schwer zu erreichen, wie große Ziele, sind allgemeine Ziele. Wenn man sich ein zu allgemeines Ziel gesteckt hat, sollte man sich einfach das Ziel an sich zerlegen, sich die Frage stellen "Was muss ich schaffen, um dieses Ziel zu erreichen?".
 
Die folgende Grafik soll die beiden Punkte über die Zielsetzungen noch etwas verdeutlichen:
Aufspalten großer, allgemeiner Ziele in kleine, spezifische

Es lässt sich also sagen:

Nein, es herrscht kein Stillstand und ja, wir kommen immer noch vorwärts.

Wir müssen nur lernen, unsere Fortschritte auch wieder wahrzunehmen.
Ich hoffe, ich konnte Euch hier einige Hilfen bieten.

Habt Ihr noch weitere Ideen, wie man das Gefühl vermeiden oder vermindern kann?
Hattet Ihr diese Phase schon oder steckt Ihr vielleicht gerade mittendrin?

Schreibt mir in die Kommentare, wie Ihr darüber denkt!

~Sören




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